Emil erzählt und die »Wald-Oma« spielt mit Biegepüppchen die Geschichte mit


  


Wie gebannt sitzen die Kinder in der kleinen Hütte und lauschen fast andächtig: Emil, ein Vorschulkind im Waldkindergarten Streitberg, erzählt nämlich ein Märchen – Hänsel und Gretel hat er sich ausgesucht und »Wald-Oma« Hannelore Sönning spielt synchron dazu mit kleinen Biegepüppchen die Geschichte mit.

STREITBERG - Liebevoll hat Hannelore Sönning die kleine Bühne auf einem einfachen Holztischchen zusammen mit Emil dekoriert: Ein paar grüne Äste sind der Wald, eine Lebkuchen-Pappverpackung das Häuschen der bösen Hexe, ein paar »Butzelkühe« dazu und fertig ist die Kulisse. Jetzt schlägt Emils große Stunde. Der Sechsjährige darf, wie jedes Vorschulkind im Waldkindergarten, in der kleinen Holzhütte im Wald ganz allein ein Märchen vor allen Kindern und Erzieherinnen erzählen.

Nur die Wald-Oma weiß vorher, welches er sich ausgesucht hat, damit sie dann auch die richtigen Utensilien in ihrer Kiste hat und sie die Geschichte mitspielen kann. Seit über zehn Jahren hilft Hannelore Sönning einmal pro Woche, immer dienstags, ehrenamtlich im Waldkindergarten mit, den einst ihre Tochter Sabine Lorenz gegründet hat. Die Märchenstunde liebt die 70-Jährige genauso wie die Kinder.

Emil wartet schon auf dem Erzählstuhl, die restlichen 23 Kinder setzen sich ringsum auf die Holzbank, die Erzieherinnen Katrin Kroder und Maria Forscht dazwischen. Auf dem Tisch in der Mitte liegt eine weiße Tischdecke und Teelichter in bunten Gläsern sorgen für eine heimelige Stimmung. »Ich erzähle das Märchen Hänsel und Gretel«, verrät Emil schließlich und legt los.

Steinchen rieseln auf die Bühne

Er beschreibt, wie der Vater und die Stiefmutter die zwei Kinder in den Wald schicken, erst haben Hänsel und Gretel Steine in der Tasche, um den Weg wieder nach Hause zurückzufinden. Die Wald-Oma lässt zwei kleine Biegepüppchen über den Tisch laufen und ganz vorsichtig lässt sie ein paar Steinchen fallen. Später rieseln Brotkrümelchen auf die Tischplatte und Hänsel und Gretel landen bei der bösen Hexe im Wald. Emil ahmt ihre dunkle Stimme nach und Hannelore Sönnig schickt ein Hexenpüppchen über die Miniaturbühne.

Die kleinen Zuschauer in der Hütte sind mucksmäuschenstill und verfolgen ganz gebannt die Vorstellung. Schließlich kann sich Hänsel aus dem Käfig befreien und die zwei Kinder finden einen Schatz im Hexenhaus. Die Wald-Oma legt einen Berg von Schmuck mit Perlen und golden schimmernden Ringen auf die Bühne. Mit den Worten »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«, endet Emil schließlich.

»Hat er die Geschichte nicht schön erzählt?« fragt Hannelore Sönning die Mädchen und Jungen. »Ja«, schallt es aus allen Kehlen und Emil wächst vor Stolz ein paar Zentimeter. Zur Belohnung erhält der junge Erzähler ein Tütchen mit Gummibärchen und weil es in diesem Kindergartenjahr die letzte Märchenstunde ist, dürfen sich alle anderen Kinder auch ein süßes Tütchen aus dem Körbchen nehmen.

»Mir macht das unheimlich viel Spaß und die Kinder sind auch immer ganz begeistert«, sagt die Wald-Oma später, als die ganze Kinderschar schon wieder draußen im Schatten auf der Wiese spielt. Emil habe die Geschichte wirklich toll erzählt, lobt sie. Schließlich sei es gar nicht so einfach, vor so vielen Leuten zu sprechen.

Dann packt sie die Biegepüppchen wieder in den Karton, pflückt die weißen Täubchen von den grünen Ästen, räumt die Fichtenzapfen und den »Schatz« weg und löscht die Teelichter. Erst im Herbst, wenn neue Vorschulkinder im Waldkindergarten sind, gibt es wieder eine Märchenstunde im Wald. Die Wald-Oma freut sich schon darauf.

Maria Däumler                                                                                         Nordbayrische Nachrichten, Samstag 10. Juli 2010