Presse

Ein Puffer zwischen Abi und Studium

(NN 25.04.2013)

Märchenstunde im Wald

Emil erzählt und die »Wald-Oma« spielt mit Biegepüppchen die Geschichte mit

Wie gebannt sitzen die Kinder in der kleinen Hütte und lauschen fast andächtig: Emil, ein Vorschulkind im Waldkindergarten Streitberg, erzählt nämlich ein Märchen – Hänsel und Gretel hat er sich ausgesucht und »Wald-Oma« Hannelore Sönning spielt synchron dazu mit kleinen Biegepüppchen die Geschichte mit.

STREITBERG - Liebevoll hat Hannelore Sönning die kleine Bühne auf einem einfachen Holztischchen zusammen mit Emil dekoriert: Ein paar grüne Äste sind der Wald, eine Lebkuchen-Pappverpackung das Häuschen der bösen Hexe, ein paar »Butzelkühe« dazu und fertig ist die Kulisse. Jetzt schlägt Emils große Stunde. Der Sechsjährige darf, wie jedes Vorschulkind im Waldkindergarten, in der kleinen Holzhütte im Wald ganz allein ein Märchen vor allen Kindern und Erzieherinnen erzählen.

Nur die Wald-Oma weiß vorher, welches er sich ausgesucht hat, damit sie dann auch die richtigen Utensilien in ihrer Kiste hat und sie die Geschichte mitspielen kann. Seit über zehn Jahren hilft Hannelore Sönning einmal pro Woche, immer dienstags, ehrenamtlich im Waldkindergarten mit, den einst ihre Tochter Sabine Lorenz gegründet hat. Die Märchenstunde liebt die 70-Jährige genauso wie die Kinder.

Emil wartet schon auf dem Erzählstuhl, die restlichen 23 Kinder setzen sich ringsum auf die Holzbank, die Erzieherinnen Katrin Kroder und Maria Forscht dazwischen. Auf dem Tisch in der Mitte liegt eine weiße Tischdecke und Teelichter in bunten Gläsern sorgen für eine heimelige Stimmung. »Ich erzähle das Märchen Hänsel und Gretel«, verrät Emil schließlich und legt los.

Steinchen rieseln auf die Bühne

Er beschreibt, wie der Vater und die Stiefmutter die zwei Kinder in den Wald schicken, erst haben Hänsel und Gretel Steine in der Tasche, um den Weg wieder nach Hause zurückzufinden. Die Wald-Oma lässt zwei kleine Biegepüppchen über den Tisch laufen und ganz vorsichtig lässt sie ein paar Steinchen fallen. Später rieseln Brotkrümelchen auf die Tischplatte und Hänsel und Gretel landen bei der bösen Hexe im Wald. Emil ahmt ihre dunkle Stimme nach und Hannelore Sönnig schickt ein Hexenpüppchen über die Miniaturbühne.

Die kleinen Zuschauer in der Hütte sind mucksmäuschenstill und verfolgen ganz gebannt die Vorstellung. Schließlich kann sich Hänsel aus dem Käfig befreien und die zwei Kinder finden einen Schatz im Hexenhaus. Die Wald-Oma legt einen Berg von Schmuck mit Perlen und golden schimmernden Ringen auf die Bühne. Mit den Worten »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«, endet Emil schließlich.

»Hat er die Geschichte nicht schön erzählt?« fragt Hannelore Sönning die Mädchen und Jungen. »Ja«, schallt es aus allen Kehlen und Emil wächst vor Stolz ein paar Zentimeter. Zur Belohnung erhält der junge Erzähler ein Tütchen mit Gummibärchen und weil es in diesem Kindergartenjahr die letzte Märchenstunde ist, dürfen sich alle anderen Kinder auch ein süßes Tütchen aus dem Körbchen nehmen.

»Mir macht das unheimlich viel Spaß und die Kinder sind auch immer ganz begeistert«, sagt die Wald-Oma später, als die ganze Kinderschar schon wieder draußen im Schatten auf der Wiese spielt. Emil habe die Geschichte wirklich toll erzählt, lobt sie. Schließlich sei es gar nicht so einfach, vor so vielen Leuten zu sprechen.

Dann packt sie die Biegepüppchen wieder in den Karton, pflückt die weißen Täubchen von den grünen Ästen, räumt die Fichtenzapfen und den »Schatz« weg und löscht die Teelichter. Erst im Herbst, wenn neue Vorschulkinder im Waldkindergarten sind, gibt es wieder eine Märchenstunde im Wald. Die Wald-Oma freut sich schon darauf.

Maria Däumler
Nordbayrische Nachrichten, Samstag 10. Juli 2010


Waldwichtel lieben es im Freien

Tag der offenen Tür im Waldkindergarten Wiesenttal

Nur bei Gewitter im Haus - 13.10.2010

STREITBERG - Den ganzen Vormittag im Freien verbringen, Tag für Tag, selbst bei Minusgraden: Für die Kinder im Waldkindergarten Wiesenttal ist das gar kein Problem. Denn die gemeinsame Zeit in der Natur macht vor allem eines – jede Menge Spaß.

Mit Stöcken basteln die Kinder im Waldkindergarten am liebsten. Foto: Kugler

Müllers Esel, das ist heute Ronja. Ausgerechnet bei ihr ging der bekannte Auszählreim zu Ende. Den Wetterbericht, ein tägliches Ritual im morgendlichen Sitzkreis, muss deshalb sie übernehmen. Ein Blick durch die Baumkronen in den Himmel genügt: „Es ist windstill, ein bisschen kalt und vielleicht kommt später noch die Sonne raus“, sagt Ronja.

Wer nicht wie die Kinder des Waldkindergartens jeden Tag Stunden im Freien verbringt, für den klingt „ein bisschen kalt“ wie eine Untertreibung. Tatsächlich liegen die Temperaturen am frühen Morgen nur knapp über dem Gefrierpunkt.

„Die Kinder tragen mehrere Schichten Kleidung übereinander“, sagt Katrin Kroder, die pädagogische Leiterin des Waldkindergartens. „Wichtig ist es aber vor allem, immer in Bewegung zu bleiben.“ Nur bei Gewitter verbringen die Kinder den Tag im Streitberger Bürgerhaus. „Den ganzen letzten Winter war das aber nur drei-, viermal der Fall“, sagt Katrin Kroder.

23 Kinder besuchen den Waldkindergarten Wiesenttal derzeit. Ihre Vormittage verbringen sie mit gemeinsamen Basteln, Singen und Spielen – und im Winter natürlich auch mit Schlittenfahren. Platz dafür haben sie nicht nur im Wald rund um die Binghöhle, sondern auch auf einer großen Wiese. Dort können die Kinder auch ein kleines Holzhaus und ein Indianer-Tipi nutzen. Vertrauen aufgebaut

„Und einmal in der Woche kommt die Wald-Oma“, sagt Petra Göttlicher, die Vorsitzende des Trägervereins des Waldkindergartens. Die Wald-Oma heißt im wirklichen Leben Hannelore Sönning. Mit den Vorschulkindern hält sie jeden Dienstag eine Märchenstunde ab. „Die Kinder lieben sie heiß und innig“, sagt Petra Göttlicher.

Seit 1998 gibt es den Waldkindergarten Wiesenttal. Auf die Idee kam Gründerin Sabine Lorenz damals durch einen Zeitungsartikel über einen Waldkindergarten in Skandinavien. „Begonnen haben wir mit sieben Kindern“, erinnert sich Erzieherin Maria Forscht, die seit der Anfangszeit mit dabei ist. „Es musste natürlich erst Vertrauen bei den Eltern aufgebaut werden.“ Dank Mund-zu-Mund-Propaganda gelang das schnell: Bereits im zweiten Jahr kletterte die Kinderzahl auf die heutige Größe. Das Konzept, Kinder schon früh für die Natur zu sensibilisieren, ging auf.

Deswegen ist es heute für die Kinder auch kein Problem, zu erkennen, was Erzieherin Maria Forscht da gerade in ihrer Hand hält: „Ein Efeublatt“, hallt es ihr im Chor entgegen. Genau so eines – und dazu noch je einen Fichtenzapfen und ein Buchenblatt – dürfen die Kinder dann auf eigene Faust im Wald suchen.

Zurück im Sitzkreis legen die Mädchen mit den Fichtenzapfen einen Stern; die Jungs verschönern diesen mit einem Kreis aus grünen Efeu- und herbstlich-gelben Buchenblättern. Rosa schlägt vor, das Ganze einfach „Fichtenzapfen-Buchenblatt-Efeublatt-Stern“ zu nennen.

Der Waldkindergarten erfüllt – wie die Regelkindergärten auch – die Anforderungen des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans. „Die Kinder lernen hier genauso viel wie in einer Regeleinrichtung“, bestätigt Ulrike Hentschel, Kindergartenfachberaterin im Landratsamt. Und auch Petra Göttlicher berichtet nur Positives: „Die Schulen sagen, dass es keine Unterschiede zu den Regelkindergärten gibt – nur an den Wandertagen sind unsere Kinder klar im Vorteil.“

Für das Kindergartenjahr 2011/12 wird es im Waldkindergarten Wiesenttal voraussichtlich sechs freie Plätze geben. Die Anmeldung erfolgt im März.

NN 13.10.2010 Bericht von Herrn Kugler